Planspiel

Flucht und Asyl sind in Deutschland mittlerweile allgegenwärtige Themen. Um einen Einstieg in die komplexen Zusammenhänge und die Vielschichtigkeit des deutschen Asylrechtes zu gewähren, wurde schon 2013 von Ehrenamtlichen im Umkreis des Eirene e.V. das Planspiel „Hürdenlauf – Asylrecht“ erdacht. Die Methode des Planspiels ist in diesem Zusammenhang sinnvoll, da sie ermöglicht komplexe soziale Realitäten für die Teilnehmer/innen spür- und greifbar zu machen. Auf emotionaler Ebene gelingt es für strukturelle Hindernisse und Missstände in der deutschen Abschiebepraxis zu sensibilisieren. Vorteile eines Planspiels sind, dass Teilnehmer/innen unbeschadet verschiedene Rollen ausprobieren können und einen kreativen, selbstgesteuerten Zugang zu neuem Wissen und Erfahrungen testen.

Obwohl zum Gelingen des Planspiels eine Vereinfachung des Asylrechtes nötig ist, bietet es auch heute 2016 für Menschen aller Altersklassen die Möglichkeit die weitreichenden Implikationen des deutschen Asylrechtes zu begreifen. Insbesondere um Aufmerksamkeit auf die zahlreichen Probleme zu lenken. Auch durch Einbettung in gezielte Vor- und Nachbereitung sollen Menschen motiviert werden, sich für diese Themen zu engagieren. Tatsächlich beruht die Konzeption der Spielsituation auf wahren Begebenheiten und trotz einiger spieltechnischer Veränderungen ist auch dies zu beachten für die Tragweite der Handlungen.

Dabei greift das Planspiel folgende Aspekte auf:

     – verschiedene gesellschaftliche Hindernisse und strukturelle Missstande, welchen geflüchtete Menschen ausgesetzt sind

 – die entstehende Machtlosigkeit und Verzweiflung sowie der enorme Druck hinsichtlich einer drohenden Abschiebung

 – bestehende Handlungsoptionen, die eine Abschiebung verhindern oder zumindest aufschieben können

 – Anregungen zur weiteren Auseinandersetzung mit der Thematik, sowie Motivation und konkrete Beispiele zum Engagement.

Am 21.1. fand das Planspiel erstmalig im Seminargebäude der Uni Leipzig statt. Insgesamt waren 22 Personen dabei, davon 12 Teilnehmende und 10 Teamende für die einzelnen Stationen bzw. als Gruppenteamer*innen. So war es im ersten Schritt möglich, die Teilnehmenden in drei Familiengruppen einzuteilen, welche zunächst verschiedene Rollen einer asylsuchenden Familie einnehmen sollten. Stark zusammengefasst ist das Ziel während der aktiven 90 minütigen Spielzeit, die bevorstehende Abschiebung der Familie zu verhindern oder zu verzögern indem sechs verschiedene Institutionen aufgesucht werden können, um Gründe gegen die Abschiebung zu sammeln. NGO, Landtag, Fußballverein, Kirche, Ärztin und Presse waren im Gebäude verteilt, während zwei Polizisten durch die Gänge patrouillierten. Am Ende der Spielzeit steht die Anhörung vor der Ausländerbehörde, die über Bleiberecht oder Abschiebung entscheidet.

Im Planspiel soll modellhaft eine Situation aus der Realität von Asylsuchenden nachgestellt und aktiv erlebt werden. Durch die Eigendynamik des Spiels und hohe Handlungskompetenz der Spielenden wird die nachgestellte Situation zu einer sehr realen. Daher ist es sehr wichtig im Anschluss genug Raum für eine Reflexion zu bieten um die emotionalen Erfahrungen aufzuarbeiten und inhaltliche Bezüge zum Asylverfahren und der Abschiebepraxis der BRD herzustellen. Spielzeit, die anschließende Reflexion, sowie der inhaltliche Input zu den Asylrechtverschärfungen I und II durch die RefugeeLawClinic dauerten insgesamt dreieinhalb Stunden.

Zur folgenden Aufarbeitung des Planspiels wurden Erfahrungsberichte von Teilnehmenden, sowie das Reflexionsgespräch nach dem Planspiel hinzugezogen. Auf emotionaler Ebene durchlebten die Teilnehmenden Frustration, Hilflosigkeit und Überforderung in einer Situation, die sie stark unter Stress und Druck setzte. Ein erster Moment der Aussichtslosigkeit wurde gleich zu Beginn beim Erhalt des Abschiebebescheids beschrieben: „Als wir den Brief öffneten und begannen zu lesen, wurde mir ganz mulmig und, wenn ich mich ganz auf die Rolle eingelassen hätte, hätte ich wahrscheinlich geweint. Ich war auf jeden Fall den Tränen nahe, weil ich natürlich wusste, dass solch ein Brief für viele Geflüchtete die harte Realität ist.“ Von einzelnen kam sogar die Rückmeldung, das Spiel sei „zu hart“ und emotional mitnehmend gewesen, sodass kurz der Ausstieg aus dem Planspiel angedacht worden sei.

Im Verlauf des Spiels erlebten einige den Zwiespalt zwischen dem spaßhaften Herumrennen, dem spielerischen Charakter und dem Bewusstsein, dass die Lebensrealität tatsächlich Geflüchteter keinesfalls diesem Aspekt entspricht, als sehr unangenehm. „Damit entfernt man sich so weit von der Realität, dass ich mich zwischendurch fragen musste, ob mit mir noch alles richtig ist.“ Andererseits wurden viele Bezüge zur Realität hergestellt, wie beispielsweise die beschränkte Wirksamkeit der verschiedenen Institutionen, während Ehrenämter über ihre Kapazitäten hinausgehen müssen und ebenso nur geringen Einfluss haben. Das Handeln verschiedener Institutionen wurde von den Teilnehmenden als willkürlich beschrieben, es herrschte stete Angst vor Repressionen und Knappheit an Zeit und Geldkarten zum „Busfahren“ erschwerten das Sammeln von Dokumenten gegen die Abschiebung. „Polizeibeamte hielten uns auf und raubten uns die Zeit, und egal an welche Stelle wir uns wandten, am Ende konnte uns niemand wirklich helfen. Wir waren verzweifelt und gerieten ziemlich schnell in Panik, weil wir nicht nur unter Zeitdruck litten, sondern auch die Gesamtsituation immer aussichtsloser wurde.“

Auch für die Teamenden wurde der emotionale Druck, unter dem die Teilnehmenden standen sehr deutlich wahrgenommen. So wurden die einzelnen Rollen der Institutionen als besonders brutal oder makaber beschrieben. Es tat sich der Zwiespalt auf, sich an strenge Regeln und Formalien halten zu müssen, um der Rolle gerecht zu werden und dem Bedürfnis, helfen zu wollen.

Es war sehr überraschend mit welcher Hingabe sich die Teilnehmer*innen auf das Spiel einließen. Auch wie sehr die einzelnen Teilnehmenden mit ihren zugeteilten Rollen verschmolzen, war interessant und mitreißend. Die Teamenden oder Institutionsvertreter*innen hat das Spiel auch, aber in einer in einer anderen Art und Weise, mitgenommen. Da sich die Teilnehmenden so gut in ihre Rolle einfanden und eben mit allen Möglichkeiten versuchten, ihre Abschiebung zu verhindern, entstanden zum Teil skurrile Situationen.

 Gegen Ende des Spiels und zunehmender Panik nahm eine der Familiengruppen sogar Regelverstöße in Kauf, um zu weiteren Institutionen gehen zu können. „Ich [habe] ein Verhalten gezeigt, was ich so nie von mir kannte. Für jeden Weg mussten wir Geld zahlen, allerdings hatten wir nur ein sehr begrenztes Budget. Innerhalb kürzester Zeit habe ich angefangen darüber nachzudenken wie ich Geld beschaffen kann. Schließlich haben wir Geld geklaut und am Ende sogar die Behörden damit bestochen.“

Ein weiteres Hindernis, welches sich auftat, war das Ausfüllen von verschiedensten Formularen, welche völlig unverständlich formuliert und für die kurze Zeit zu umfassend waren. Es gab keine Unterstützung beim Ausfüllen, keine*r „hat auch nur annähernd versucht nachzuempfinden wie es gerade um uns steht. Stattdessen wurden immer wieder unsere Pässe kontrolliert und wir wurden behandelt als seien wir eine Gefahr, wenn wir allein durch die Gänge laufen.“

Das Planspiel konnte den Teilnehmenden einen kleinen Einblick in die Abschiebepraxis vermitteln, vor allem aber zu einem tieferen Verständnis durch das Einfühlen, Nacherleben und den Perspektivwechsel führen.

„Empathie bedeutet für mich Menschlichkeit, denn wer nicht versucht einander zu verstehen, vergisst irgendwann, dass wir alle gleich sind. […]Doch wir beginnen abzustumpfen, wir abstrahieren Menschen zu leeren Hüllen, hören auf darüber nachzudenken was in deren Köpfen vorgeht. Das darf nicht passieren! Das darf einfach nicht passieren und deshalb war das Spiel eine einzigartige Erfahrung, die mich wieder ein ganzes Stück empathischer und menschlicher gemacht hat.“

Wir, die Menschen um die Kampagne UNMENSCHLICHKEIT,  danken allen Teilnehmenden für die interessierte und produktive Mitarbeit.

Bei diesem ersten Durchlauf und dessen Aufarbeitung haben wir noch einige Punkte entdeckt, die eine Modifikation bzw. Verbesserung bräuchten. Zum einen sind die Rollen, in die sich Spielende versetzen sollen nach den neuen Asylpaketen nicht mehr ganz realistisch. So müssten sich neue Familien und Situationen ausgedacht werden, um die aktuelle Asyl-Verfahrens-Situation besser darzustellen. Die jeweiligen Rollen müssten außerdem etwas detailreicher ausgearbeitet werden. Auch andere Kleinigkeiten müssten wegen der neuen Asylrechtslage abgeändert bzw. hinzugefügt werden. Zum anderen muss die anschließende Diskussionsrunde etwas präziser vorbereitet werden. In dem Fall des letzten Durchlaufes, an dem nur Student*innen teilnahmen, waren die meisten schon sehr aufgeklärt über die momentane Asylrechtslage. Das hat das ganze vereinfacht, jedoch darf davon nicht ausgegangen werden. Deshalb bedarf es der präziseren Vorbereitung, so dass in der anschließenden Diskussion auch Begrifflichkeiten und Allgemeines geklärt wird.

Das Planspiel ist besonders gut geeignet für Menschen, die keinen oder wenig Bezug zu Asylrecht und –verfahren haben. Dabei ist zu beachten, dass aufgrund des hohen Drucks, der sich über das Spiel hin entsteht die Teilnehmer durchschnittlich psychisch stabil sein müssen. Wir empfehlen daher, das Spiel nicht für Teilnehmer*innen unter 14 Jahren anzubieten. Wir glauben trotzdem, dass das Spiel einen hohen pädagogischen Wert hat und besonders Klassen in höheren Stufen eine Vorstellung davon vermittelt, welche perfide bürokratische Hürden Familien zu meistern haben, die vor Verfolgung und Krieg fliehen. Das Spiel ist vielfältig einsetzbar, also auch wie im ersten Durchlauf mit Erwachsenen.

Aus unserer Sicht ist das Spiel eine gute Möglichkeit, sich mit den Verfahren emotional vielseitig auseinanderzusetzen, das Erlebte muss aber mit der anschließenden Diskussionsrunde sehr differenziert aufgearbeitet werden. Denn auch wenn man* sich zwar für diese kurze Zeit auch hilf- und machtlos fühlt, muss man bedenken, dass die gespielte Situation in Wirklichkeit sehr viele Menschen noch wesentlich ernster und schwerwiegender betrifft.

Wir werden das Planspiel in Zukunft noch öfter anbieten, beispielsweise Anfang des kommenden Sommersemesters. Außerdem eventuell im Rahmen des Kollektiv-Festivals Mitte Mai. Für weitere Infos lohnt es sich ab und zu auf den Facebookseiten „Legida? Läuft nicht.“ und „Unmenschlichkeit 2015“ vorbeizuschauen und auch auf asylrechtsverschaerfungstoppen.blogsport.eu wird es weitere Informationen zu Terminen für das Planspiel geben. Wenn du selbst Lust und Raum hast, das Planspiel für deine Gruppe, Initiative, Klasse oder Ähnliches anzubieten, kannst du dich gern mit uns in Kontakt setzen. (Email-Adressen findest du auf genannten Seiten).

Wir freuen uns, wenn ihr beim nächsten Mal dabei seid, euch anderweitig beteiligen wollt oder uns nach eurer Teilnahme einen Erfahrungsbericht zukommen lasst.

Bis zum nächsten Mal, stay tuned!